Der Neisse Stein


Einst fand ein Bergmann tief im Stollen einen Stein, der rot und kostbar war. Er hob ihn und freute sich seines Fundes. Da ihn aber dürstete, wünschte er sich Wasser, seinen Durst zu Stillen. Im selben Augenblicke füllte seine Flasche sich, so dass sie überlief. Der Bergmann, das besondere Geschick dieses Zaubersteines ahnend, versuchte ihn mit allerlei Wünschen. Und ein jeder ward ihm erfüllt.

Diese Macht ergötzte den Bergmann. Und im Übermute gedachte er, die Brocken des Stollens in Drachen zu wandeln. Und so geschah es. Erschreckliche Drachen flogen ihm brüllend ums Haupt.

Da glitt ihm aus Furcht der Stein aus der Hand und fiel ins Wasser, das sich hatte fleißig aus der Flasche in den Stollen ergossen. Der Bergmann suchte ihn wiederzuerlangen, doch es ward ihm unmöglich. Das Wasser floss und floss, so stark, dass es schließlich den Berg zersprengte, sich in die Landschaft ergoss und das Flüsschen schuf, welches wir heute Neiße nennen. Der Bergmann blieb verschollen, verschollen auch der rote Stein. Aber es heißt, der Stein liege noch immer auf dem Grunde des Flusses, wo er selbigen speist bis ans Ende aller Tage.